In einer Facebook-Gruppe für SozialdemokratInnen und solche, die sich dafür halten, stellte ein Diskutant fest: Entweder die SPD würde Politik so machen wie er das für richtig halte, oder er ginge zu der „LINKE“.



Ich wünschte ihm spontan eine „gute Reise“.



Nach einigem Hin und Her versuchte ich ihm mit dem folgenden Text zu erklären, warum die LINKE in meinen Augen keine Alternative zur SPD ist.



An einigen Stellen mögen sich Menschen mit Lust daran, an Überspitzungen oder Ungenauigkeiten aufhängen.



Hier der Text:



Ich lebte lange in einem Stadtteil, in dem man hautnah erlebt, wie es ist abgehängt zu sein. Und ich konnte mir bei weitem nicht immer sicher sein, dass das bei mir wieder bergauf geht. Ich habe von ALGII in einer kleinen Wohnung gelebt, die „schlicht“ eingerichtet war und am Ende des Geldes war oft noch viel, viel Monat übrig.

Klamotten, für so einen eitlen Fatzke wie mich eine schwierige Sache in so einer Situation.

Feiern, weggehen, Kultur, für so einen kommunikativen Menschen wie mich ein echtes finanzielles Problem.

Ich war oft auf die Großzügigkeit meiner Freunde und Familie angewiesen, um mit meinen Freunden zu feiern und kulturelle Teilhabe zu leben. Denn mal eben Theater und danach ein paar Wein oder Bier brachte mich in Schwierigkeiten.

Die Wurst und das Bier nach der OV-Sitzung war oft nicht drin.

Du musst mir nix von Armut erzählen. Die kenne ich selbst. Aus eigenem Erfahren.

Ich bin aus „meinem“ Stadtteil nicht weggezogen, weil es bei mir aufwärts ging und ich da weg wollte, sondern weil das manchmal so der Lauf der Dinge ist.

Mein Bruder und seine Familie leben allerdings da, ich bin noch immer im SPD-OV dort und bin auch noch der Vorsitzende des AWO-OV da. Also bin ich noch immer, und das gerne, in meinem „Problemstadtteil“ verbunden. Und ich liebe ihn heiß und innig, weil es da auch total spannend ist.

Ich will damit zum Ausdruck bringen, dass die Frage der Gerechtigkeit und Teilhabe für mich kein akademischer Exkurs ist, über den ich bei einer Flasche guten Rieslings auf meiner Terrasse in einer teuren Garten-Sofalandschaft philosophiere.

Ich weiß wie Armut schmeckt und riecht. Ich weiß warum Leuten an manchen Tagen alles egal ist und sie in vollgeschwitzen, schmutzigen Klamotten, ungewaschen und ungekämmt zum Dönermann gehen und sich mit sechs Halben und einen Döner wieder in ihrer kleinen unaufgeräumten Wohnung verkriechen. 

Ich weiß wie Menschen leben, die aufgegeben haben. Auch aufgrund meines Berufes als Immobilienkaufmann. Was meinst Du was ich schon alles gesehen habe.

Ich weiß aber auch, dass Politik nicht jeden retten kann, der aufgegeben hat. Und ich weiß auch, dass es ganz unterschiedliche Gründe gibt, warum Menschen arm geworden sind.

Und ich weiß auch, dass markige Sprüche denen nicht helfen.

Wer da was tun will, muss Kommunen wieder in die Lage bringen sich um solche Menschen zu kümmern, dazu brauchen Kommunen Geld.

Insofern stellt sich nach der Verteilungsfrage von Reichtum auch die Frage, wem willst Du das denn geben, wenn Du den wirklich reichen Menschen z.B. ans Erbe willst?

Wir haben Steuerüberschüsse in Bund und Ländern. Und die Kommunen werden gerade mal in die Lage versetzt ihren „Zwangsaufgaben“ nachzukommen.

Die Welt ist kompliziert und mit den „Heilsversprechen“, die Sara Wagenknecht und andere ständig rausdonnern wirst Du erstens nicht erreichen, dass Du Mehrheiten für eine bessere Verteilung des Vermögens erreichst, und zweitens daraus folgend keine Mehrheiten in Parlamenten gewinnen.

Auch wenn man das Gute will, muss man sich immer klar machen, dass man Mehrheiten braucht in einer Demokratie. Und die erreichst Du nur, wenn Du die, von denen Du was willst, auch für das was Du willst gewinnst. Oder zumindest einen Teil von denen. Denn die von denen Du als Linker was willst, die gehen wählen.

Der mit ungekämmten Haaren beim Dönermann in der Regel nicht.

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